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Umgang mit Schutzsuchenden aus der Ukraine

 

Der Geschäftsführende Landesvorstand beschließt den folgenden Vorschlagskatalog zum Umgang
mit Schutzsuchenden aus der Ukraine. Der Beschluss wird dem Landesvorstand für die Arbeit vor
Ort zugestellt.


Umgang mit Schutzsuchenden aus der Ukraine


Die GEW steht fassungslos vor der humanitären Katastrophe, die durch den russischen
Angriffskrieg in der Ukraine verursacht wird. In der konkreten Situation geht es darum, den
flüchtenden Menschen schnell und unbürokratisch Hilfe angedeihen zu lassen. Im Gegensatz zur
Situation aus dem Jahre 2015 geht die GEW davon aus, dass durch die geographische Nähe der
Ukraine zu Deutschland sehr schnell sehr viele Menschen kommen. In erster Linie werden dies
Frauen und Kinder sein. Dabei kann davon ausgegangen werden, dass etliche von ihnen bereits
über Kenntnisse der englischen, z. T. aber auch deutschen Sprache verfügen.
Das deutsche Bildungs- und Wissenschaftssystem muss sich schnell und bürokratisch
unkompliziert auf die Integration zahlreicher Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine vorbereiten.
Insgesamt ist ein großzügiges Unterstützungsprogramm für Kitas, Schulen, Hochschulen und die
berufliche Bildung nötig.
Ausgehend von diesen Prämissen schlägt die GEW Niedersachsen folgende Maßnahmen zur
Bewältigung der anstehenden Aufgaben in Schule, Hochschule, Weiterbildungseinrichtungen und
Kindertagesstätten und -gärten vor.
1. In den Erstaufnahmeeinrichtungen müssen Kinder und Jugendliche die Möglichkeit für den
Schulbesuch erhalten. Schnellstens, allerspätestens aber nach 3 Monaten sollen schulpflichtige
Kinder eine Schule besuchen. Das Recht auf einen Schulbesuch ist über die Schulpflicht hinaus
bis zum Ende des 25. Lebensjahres zu gewähren.
2. Sowohl in den Erstaufnahmeeinrichtungen als auch in den Schulen muss ein an die Bedürfnisse
der geflohenen Menschen angepasstes pädagogisches Angebot vorhanden sein. Dabei sollte
grundsätzlich auf multiprofessionelle Teams gesetzt werden, die - so es sie noch nicht gibtschnellstens
einzurichten sind. Eine psychologische Betreuung muss erfolgen. In diesem
Zusammenhang ist die Bedeutung der schulischen Sozialarbeit hervorzuheben, die in dieser
Situation an allen Schulen gesichert werden muss.
3. Bei der Aufnahme der vor dem Krieg Geflohenen sollte geschaut werden, ob ausgebildete
Kolleg*innen aus Erziehungs- oder Lehrberufen darunter sind. Aus diesem Personenkreis
könnten Menschen für die (unterstützende) Arbeit in Kitas, Schulen, Hochschulen und
Erwachsenenbildung gewonnen werden, sofern ihre individuelle Situation dies zulässt. Beim
Einstieg sollten erfahrene Kolleg*innen als Coaches helfen. Diese werden für diese Tätigkeit
zeitlich flexibilisiert. Die Überprüfung der tatsächlichen Einsatzfähigkeit sollte in der jeweiligen
Einrichtung erfolgen.
4. In den Aufnahmeeinrichtungen ist schnellstmöglich ein kindgerechter Alltag zu organisieren.
Dies umfasst die Betreuung durch Sozialarbeiter*innen und Erzieher*innen, die auch bei der
Gestaltung des Übergangs in Kita, Hort und Schule die Flüchtlingsfamilien begleiten. Für die
Entscheidungsfindung ist Informationsmaterial in ukrainischer Sprache vonnöten. In den
Schulen sollten spezielle Angebote im Ganztagsbereich eingerichtet werden, die die besondere
Ausnahmesituation der Kinder und Jugendlichen berücksichtigen und zu einer Gewöhnung an
die neue Umgebung führen.
5. Die Jugendämter und Träger der öffentlichen Jugendhilfe müssen durch das Land gestärkt
werden. Sofern nötig, ist zusätzliches Personal einzustellen.
6. Die Beratung von Lehrkräften durch die Fachberater*innen für interkulturelle Arbeit sowie
durch die Zentren für Sprachbildung muss ausgebaut werden.
7. Bei der Klassenbildung ist eine zu erwartende Anzahl von Flüchtlingskindern zu
berücksichtigen, damit spätere Klassenteilungen vermieden werden.
8. Die kostenfreien Aus- und Fortbildungsangebote für Lehrkräfte und pädagogischen
Mitarbeiter*innen im Bereich interkultureller Kompetenzen sind auszuweiten. Im Land müssen
für diesen Personenkreis Fortbildungen für den Umgang mit traumatisierten Kindern und
Jugendlichen angeboten werden. Sinnvoll sind institutionsübergreifende Supervisionsangebote
für Lehrkräfte und Beschäftigte durch Schulpsycholog*innen der RLSB, die mit Kindern und
Jugendlichen arbeiten.
9. Für Sprachlernkurse sollte u. a. auf außerschulische Expert*innen zurückgegriffen werden.
Darunter fallen auch DaF-/DaZ-Lehrkräfte. Ihre Arbeits- und Bezahlungsbedingungen sind
deutlich zu verbessern.
10. Die Sprachförderung muss in der Schule vorrangig durch additive Förderung in den
Regelklassen erfolgen. Gesonderte Sprachlernklassen sollten - sofern sie nötig erscheinen- nur
für einen kurzen Zeitraum eingerichtet werden. Die Anzahl der Sprachförderstunden sollte zu
diesem Zweck ausgeweitet und zielgerichtet zugewiesen werden. Im Kita-Bereich müssen
ausreichend sächliche, personelle und finanzielle Mittel für diesen Zweck bereitgehalten
werden.
11. Ehemalige SPRINT-Lehrkräfte (SPRache und INTegrationslehrkräfte) sind - sofern möglich - zu
reaktivieren und einzusetzen.
12. Ein geeignetes und zügiges Verfahren zur Anerkennung von Zeugnissen und Abschlüssen aus
den Herkunftsländern muss etabliert werden.
13. Konzepte für die Beschulung von Jugendlichen, die aufgrund ihrer altersbedingten
Verweildauer in der allgemeinbildenden Schule oder BBS keinen Abschluss werden erzielen
können, sind weiterzuentwickeln. Auch hier gewinnen bestehende Angebote außerschulischer
Bildungseinrichtungen an Bedeutung, die den nachträglichen Erwerb von Schulabschlüssen
ermöglichen. Diese benötigen eine angemessene Finanzierung.
14. Für die tägliche Arbeit in den Bildungseinrichtungen ist ein Materialpool, ein Pool von
Übersetzer*innen sowie von psychologischem Fachpersonal zur Unterstützung der Lehrkräfte
bereitzustellen.
15. Es ist dafür Sorge zu tragen, dass ausreichend Kita-Plätze vorgehalten werden. Die Kind-
Erzieher*in-Relation ist deutlich zu verbessern.
16. Alle Hochschulen in Niedersachsen müssen sich mit allen Bildungsangeboten sofort und
unabhängig vom Aufenthaltsstatus für Flüchtlinge und Asylsuchende öffnen.
17. Qualifizierte Ansprechpersonen müssen benannt und spezielle Beratungen für Flüchtlinge in
den Hochschulen eingerichtet werden.
18. Es ist ein ausreichendes Angebot an gebührenfreien Sprachkursen in den Hochschulen bzw. in
Zusammenarbeit mit anderen Bildungsträgern vorzuhalten.
19. Ausbildungs-, Arbeits- und Studienverbote müssen abgeschafft sowie der Zugang zu
Leistungen nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) sowie weiterer
Studienfinanzierungsmöglichkeiten (Stipendien etc.) ermöglicht werden. Überdies ist
kurzfristig und unbürokratisch der Zugang zum Kindergeld bzw. der Bundesausbildungsbeihilfe
(BAB) zu erleichtern. Für geflüchtete Studierende aus der Ukraine sind keine Studiengebühren
zu erheben. Der Semesterbeitrag ist kostenfrei.
20. Das Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK) soll schnellstens gemeinsam mit den
niedersächsischen Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen einen Notfonds einrichten,
um geflüchtete Studierende und Wissenschaftler*innen wirtschaftlich zu unterstützen.
Studentenwerke sollen kostenfreien Wohnraum sowie Mensafreitische für die tägliche
Versorgung zur Verfügung stellen.
21. Geflüchtete Personen benötigen kostenfreie Unterstützungen für notwendige Übersetzungen
ihrer persönlichen Dokumente.
22. Zur Finanzierung der o. a. Maßnahmen können nicht verwendete Mittel aus dem Corona-
Hilfspaket verwendet werden. Zusätzlich müssen ggf. weitere Mittel in den Nachtragshaushalt
eingestellt werden. Unter Umständen ist hier ein Sondervermögen zu bilden.

Hannover, 14. März 2022
Geschäftsführender Vorstand der GEW Niedersachsen

 

Bild/Text übernommen von der GEW Niedersachsen